Nachhaltige Propaganda
Eine Gesellschaft im Öko-Rausch
Ein Beitrag von Günter Ederer
Grün ist nicht nur die Modefarbe der Saison, sondern längst ein übergreifender Trend, der sich auszahlt – fürs Image und auch in barer Münze. Unterm grünen Deckel gerät selbst das existenzielle Energieproblem außer Sichtweite.
„Es grünt so grün“, und in Frederick Loewes Musical: „My Fair Lady“ heißt es dann weiter: „... wenn Spaniens Blüten blühen“. Damit könnte er heute keinen Blumentopf mehr gewinnen. Heute grünt es nämlich überall, wohin wir auch blicken. Grün ist einfach in. Dass es auch eine „Grüne“ Partei gibt, wird dabei zunehmend übersehen. Sie kann von der „Grünen Welle“ überhaupt nicht profitieren. Sie verschwindet wie ein grüner einsamer Grashalm in einer grünen Wiese und wird dadurch eher unsichtbar. Den grünen Anstrich unserer Welt verdanken wir also nicht der „Grünen Partei“, sondern einer Verbeugung von Management und Marketingabteilungen vor dem Gutmenschentum der Industriestaaten. Seit fast zwanzig Jahren beobachte ich, wie das nüchterne profitorientierte Management sich zum schnurrenden grünen Schmusetierchen wandelte. Meine Beobachtungen sind subjektiv, nicht durch entsprechende empirische Untersuchungen belegt. Nachweislich jedoch hatte die „Grüne Partei“ die ersten Erfolge in den Villenvororten der großen Städte: Frankfurt-Westend, Bremen-Schwachhausen, München-Grünwald, um nur einige zu nennen. Überdurchschnittliche Wahlergebnisse erzielte sie auch in den industriefreien Universitätsstädten: Freiburg, Heidelberg, Tübingen, Göttingen und Marburg bekannten sich schon bald dazu, durch eine Abkehr von der westlichen Industriegesellschaft die Welt zu retten. Falsch wäre es, diese Wahlergebnisse den Sturm- und Drangzeiten aufmüpfiger Studenten zuzuschreiben. Was vor zwanzig Jahren noch kaum einer wahrnehmen wollte, war schon deutlich erkennbar. Je wohlhabender eine Region war und ist, je höher der Anteil gutbestellter Staatsdiener, umso höher die Wahlergebnisse der Grünen. Erst in der rotgrünen Bundesregierung wurde dann auch offiziell von Wahlforschern festgestellt, dass die Grünenwähler noch vor dem FDP-Klientel das höchste Pro-Kopf-Einkommen vorweisen. In Villen unserer Vorstädte führte das zu erheblichen Konflikten. Der gut bezahlte Manager oder Freiberufler verdiente den Lebensstandard der Familie mit genau den Umweltzerstörenden Produkten, die seine Frau und Kinder erhalten wollten. Die Gattin hatte viel Zeit, sich um das Gutmenschentum zu kümmern, denn alle materiellen Bedürfnisse waren erfüllt: der Zweitwagen, die Abwechslung auf dem Golfplatz, vielleicht ein Reitpferd, natürlich der Skiurlaub, alternativ das Apartment am Mittelmeer. Ihr Hobby: Malen, Yoga, Ayurveda, mit der Freundin shoppen oder zur nächsten Vernissage. Den überarbeiteten Mann sah sie selten. Es waren diese neuen „grünen Witwen“, die das Gutmenschentum in die Vorstädte zog. Die Wahlergebnisse sind der Beweis. Aber das ist Vergangenheit. Heute ist die Familie wieder vereint. Der Mann arbeitet ja nicht mehr bei einem Ölkonzern, der Benzin verkauft. Er arbeitet heute bei „Beyond Petroleum“ – die neue Übersetzung von „British Petroleum“. Benzin ist „Bähbäh“. Aber Beyond Petroleum ist auch „von Solarenergie über Windkraft bis hin zu Biokomponenten für Kraftstoff“ zuständig. Das klingt für die Gattin schon viel versöhnlicher.
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