
Alkoholsucht ist immer ein Problem – für die Betroffenen selbst wie auch für ihre Umgebung. Besonders komplex wird die Situation, wenn am Arbeitsplatz getrunken wird und ein Mitarbeiter immer offensichtlicher ein Alkoholproblem hat.
Auf zwischen 25 und 40 Milliarden Euro pro Jahr wird der volkswirtschaftliche Schaden durch Alkoholmißbrauch in Deutschland von der Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren geschätzt. Die durch die Abhängigkeit im Beruf verursachten Fehlzeiten betragen ungefähr das 16-fache eines Nichtabhängigen, und die Gefahr von Betriebsunfällen verdreifacht sich.
Wann ist man Alkoholiker?
Laut internationaler Klassifikation psychischer Störungen (ICD 10) müssen drei der folgenden Kriterien für die Diagnose „Alkoholsucht“ vorliegen:
- Es besteht ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu trinken.
- Es gibt Hinweise auf eine verminderte Fähigkeit, den Alkoholkonsum zu kontrollieren.
- Der Alkohol wird getrunken, um Entzugssymptome (zum Beispiel Zittern der Hände) zu mildern oder zu vermeiden.
- Es gibt Hinweise für eine Toleranzbildung, das heißt: Es wird zunehmend mehr Alkohol benötig, bevor die (gewünschte) Wirkung eintritt.
- Es ist ein eingeengtes Verhaltensmuster durch den Alkoholkonsum entstanden, zum Beispiel der Tagesplan richtet sich danach aus, regelmäßig Alkohol trinken zu können. Andere Interessen und Vergnügen werden zunehmend vernachlässigt.
- Der Alkoholkonsum wird fortgeführt – trotz klarer Hinweise auf negative körperliche, psychische oder soziale Folgen.
Soweit eine der klassischen Definitionen für Alkoholismus. Auch wenn die obigen Aussagen zur Bestimmung einer Abhängigkeit grundlegend sind, kann eine Diagnose allerdings immer nur im Einzelfall getroffen werden. Dazu Dr. Elisabeth Wienemann, Dipl. Soziologin und Lehrende im Weiterbildungsstudium Arbeitswissenschaft der Uni Hannover: „Allgemeine Aussagen zu treffen, wann ein Betroffener wirklich Alkoholiker ist, ist schwer. Da es sich hauptsächlich um eine psychische Abhängigkeit handelt, sind die Grenzen von Person zu Person sehr unterschiedlich. Die entscheidende Frage ist: Wann nimmt jemand das bißchen mehr zu sich, daß er den Alkoholkonsum nicht mehr unter Kontrolle hat?“
Warum Menschen Alkohol trinken
Dabei entsteht eine Alkoholsucht meist über viele Jahre oder gar Jahrzehnte. Und die Entwicklung bis zum Alkoholmißbrauch findet schleichend statt. Die Gründe für einen regelmäßigen Konsum sind vielfältig. Bei dem einen das Gläschen Wein, wenn er abends geschafft von der Arbeit kommt und entspannen möchte, bei dem anderen gehört Alkohol zu jedem Geschäftsessen dazu und der Dritte kann kein Wochenende ohne zwei durchgefeierte Nächte an sich vorüber gehen lassen. „Alkohol ist eine Droge. Drogen sind als Substanzen definiert, die eine körperliche und psychische Wirkung haben. Das heißt, ich nehme den Alkohol zu mir, um einen bestimmten Zustand zu erreichen, um zum Beispiel entspannter, lockerer oder weniger ängstlich zu sein. Oftmals ist das ein ganz unbewußter Prozeß. Aber immer hat der Alkoholkonsum eine subjektive Funktion“, erläutert Ralf Stallbaum, Dipl. Sozialarbeiter und Sozialtherapeut, der 15 Jahre Abhängige stationär betreut hat.
Laut WHO sollte der Alkoholkonsum für Frauen nicht mehr als 20 Gramm Alkohol, das sind zwei 0,1 Liter-Gläser Wein, und bei Männern nicht 30 Gramm täglich überschreiten. Wenigstens zwei Tage in der Woche sollten alkoholfrei sein. Und natürlich sollte bei besonderen Erkrankungen, bei Schwangeren wie bei beim Autofahren und Bedienen von Maschinen ganz darauf verzichtet werden. Die Zahlen der WHO beziehen sich dabei ausschließlich auf das Gesundheitsrisiko, das mit einem höheren Konsum verursacht wird. Direkte körperliche Folgen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Leberschäden, Impotenz, chronische Magen-, Darm-, und Bauchspeichelentzündungen sowie Nerven- und Hirnschäden. Bei Menschen, die mehr als die risikoarme Alkoholmenge zu sich nehmen, spricht man von riskantem Alkoholkonsum. Das heißt nicht, daß diese Trinker gleich Alkoholiker sind, aber es besteht bei regelmäßigem Konsum und auf lange Sicht gesehen zumindest eine erhöhte Gefahr, abhängig zu werden. Laut der Deutschen Geschäftsstelle für Suchtgefahren gehören 10,4 Mio. Personen zur Gruppe mit riskantem Konsum, bei 1,7 Mio. besteht ein Mißbrauch und ebenfalls 1,7 Mio. sind wirklich abhängig.
Habe ich ein Alkoholproblem?
Im Allgemeinen merken Alkoholabhängige, daß sie den Konsum nicht mehr in Griff haben, aber möchten es sich nicht eingestehen. Ein ständiges Ausbalancieren zwischen der benötigten Menge und einer relativen „Funktionsfähigkeit“ beginnt. „Wer sich aber eines Tages die Frage stellt, ob sein Trinken noch normal ist, sollte der Antwort nachgehen“, so Christa Merfedite, Pressesprecherin der Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren. Eine einfache Möglichkeit dazu, die ohne das Hinzuziehen von Zweitpersonen durchgeführt werden kann, bieten zahlreiche Selbsttests zum Alkoholkonsum (s. Kasten).
Alkohol am Arbeitsplatz
Oftmals jedoch dauert es viele Jahre oder es tritt nie ein, daß der Betroffene selbst den ersten Schritt macht. Meist sind es Verwandte oder Arbeitskollegen, denen eine eventuelle Problematik auffällt. Anzeichen sind eine gesteigerte Reizbarkeit, höhere Aggressivität, häufigere Krankenstände, unentschuldigtes Fernbleiben (bei Quartalstrinkern am Montag), heimliches Trinken und der Alkoholkonsum in Streßsituationen. Erfahrungsgemäß decken die Mitarbeiter den betreffenden Kollegen. Allerdings kann sich die Situation, gerade bei Spiegeltrinkern, die eine ständig erhöhte Pegelmenge der Substanz zu sich nehmen müssen, plötzlich ändern. Wenn das Maß, das der Körper verarbeiten kann, überschritten wird, fangen sie zum Beispiel, ohne es zu bemerken, zu lallen an. Die Toleranzgrenze des Körpers ist überschritten.
Was kann ein Kollege tun?
So schwer es auch ist, einen jahrelangen Kollegen auf das mögliche Problem anzusprechen: Es sollte auf jeden Fall geschehen. Aber wie? Keinesfalls mit der direkten Anspielung auf Alkohol. „Eine gute Möglichkeit ist zum Beispiel das Angebot der Hilfe. Nach der Art: „Ich merke, daß es dir nicht gut. Ich sage dir das jetzt einmal: Wenn ich dir helfen kann, dann bin ich für dich da“, so Stallbaum. Auf jeden Fall sollte mit dem Betroffenen sehr behutsam umgegangen werden. Kommt dieser auf das Angebot, oftmals erst nach längerer Zeit, zurück, können weitere Maßnahmen gemeinsam angegangen werden.
Betriebliche Maßnahmen
Klare Vorgehensweisen im Falle von Alkoholismus sind bei vielen Unternehmen in den Betriebsvereinbarungen festgehalten (s. Link Qualitätsstandard betrieblicher Suchtprävention). Dabei werden in einer Art Stufenplan verschiedene Schritte definiert. Sie reichen vom informellen Gespräch mit der Führungskraft oder vom formellen Gespräch mit der Personalabteilung über Abmahnungen bis zur Kündigung. Dabei hängt die Toleranzgrenze der Sanktionen davon ab, inwieweit der Alkohol Konsumierende die betriebliche Sicherheit gefährdet.
Mittlerweile haben alle größeren Unternehmen einen Suchtbeauftragten. Auch kleine und mittelständische beschäftigen oftmals freie Berater. Allerdings sollte das Ziel der Bemühungen sein, schon im Vorfeld das Entstehen einer Alkoholkrankheit zu erkennen und präventiv Hilfe anzubieten. Dazu finden in vielen Unternehmen Informationsveranstaltungen statt, liegen Broschüren aus, gibt es Aktionstage und Informationen im Intranet. „Vor allem müssen die Angebote niedrigschwellig sein, so daß dem Betreffenden der ohnehin schwere Weg zur Erkenntnis über das Alkoholproblem leichter gemacht wird. Dazu können zum Beispiel Fragebögen zur Suchtgefährdung im Sanitärbereich ausliegen“, schlägt Stallbaum vor. Zudem sind besonders Schulungen von Führungskräften sinnvoll. Nur so können diese adäquat in den Prozeß eingreifen.
Wie komme ich vom Alkohol los?
Die neusten Therapien arbeiten nicht mehr unbedingt mit dem Ziel einer völligen Abstinenz. „Bei Menschen mit einem nur riskanten Konsum hat sich die Reduzierung der Alkoholmenge bewährt. So sinkt der Druck, der sich beim Gedanken an den völligen Alkoholverzicht ergibt“, erklärt Dr. Wienemann.
Erst einmal sollte eine der zahlreichen Beratungsstellen (s. Kasten) aufgesucht werden. Hilfe finden Betroffene auch bei Selbsthilfe- und Abstinenzverbänden, wie zum Beispiel den Anonymen Alkoholikern oder dem Blauen Kreuz. Liegt eine vom Arzt oder einem Berater bestätigte Alkoholsucht vor, sollte eine ambulante teilstationäre oder stationäre Therapie folgen. „Wir arbeiten mit einer motivierenden Gesprächsführung, die zum Ziel hat, die Diskrepanzen zwischen den eigenen Lebenszielen und dem Ist-Zustand aufzuzeigen“, stellt Sabine Löbers, leitende Psychologin der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, dar. „Zudem setzen wir so genannte Anti-Craving-Substanzen ein. Zahlreiche Studien zeigen, daß damit die Rückfallquote nachhaltig vermindert wird“, fügt sie hinzu.
Gute Chancen auf Heilung
„Erst einmal muß der Patient erkennen, daß eine Erkrankung vorliegt", erklärt Dr. Götz Mundle, ärztlicher Geschäftsführer der Oberbergkliniken. Es reicht nicht, daß der Patient nur auf einer rationalen Ebene die Faktoren der Sucht vermittelt bekommt. Erst wenn die Abhängigkeit emotional angenommen wird, gibt es Chancen auf eine Heilung. Dann können auch neue Verhaltensmuster für zukünftige Belastungssituationen erlernt werden. In den von Prof. Dr. med. Matthias Gottschaldt gegründeten Oberbergkliniken findet sich eine Klientel, die zur gefährdeten Gruppe gehört – beruflich erfolgreiche Menschen wie Manager, Lehrer oder Ärzte, die mit einer hohen intellektuellen Kompetenz ausgestattet sind, was aber nicht zwangsläufig mit emotionaler Intelligenz gekoppelt ist. Um dem Anspruch an die emotionale Auseinandersetzung mit sich selbst Genüge leisten zu können, bieten die Oberbergkliniken – im Gegensatz zu anderen Institutionen – jeden Tag Einzel- und Gruppensitzungen an.
Festzuhalten ist: Alkoholiker sind nicht anders als andere Menschen, denn jeder kann abhängig werden. Und: Alkoholsucht ist ein gesellschaftliches Drama, das in seinen Ausmaßen kaum auszuloten ist. Alkoholsucht ist eine Krankheit, die prinzipiell behandel- und heilbar ist. Letzteres setzt allerdings beim Suchtkranken die klare Entscheidung zur Behandlung voraus.
Selbsttests:
1. kontrolliertes Trinken 2. Alkohol-Selbsttest 3. A-Connect e.V.
Broschüre »Alles klar? – Tips und Informationen für den verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol«, inkl. Selbsttest. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
Den Selbsttest der BZgA finden Sie hier: BZgA Selbsttest
Weitere Kontakte, Selbsthilfe- und Abstinenzverbände (Auswahl):
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Info-Telefon: 02 21/89 20 31 www.bzga.de
Erste persönliche Beratung für Ratsuchende. Vermittlung an geeignete lokale Hilfe- und Beratungsangebote.
Sucht & Drogen-Hotline: 01805/31 30 31 (12 Cent/Minute) Bundesweite telefonische Beratung in Sucht- und Drogenfragen.
Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) Postfach 1369 59003 Hamm Tel.: 02381/9015-0 www.dhs.de
Weitere Infos und Adressen von Hilfeangeboten vor Ort.
Anonyme Alkoholiker (AA) Interessengemeinschaft e.V. Postfach 460 227 80910 München Tel.: 0 89/3 16 95 00 www.anonyme-alkoholiker.de
Arbeiterwohlfahrt Bundesverband e.V. Oppelner Str. 130 53119 Bonn Tel.: 02 28/66 85 157 oder -0 (Zentrale) www.awo.org
Blaues Kreuz in Deutschland e.V Freiligrathstr. 27 42289 Wuppertal Tel.: 02 02/6 20 03-0 www.blaues-kreuz.de
Kreuzbund e.V. Selbsthilfe- und Helfergemeinschaft für Suchtkranke und deren angehörige Postfach 1867 59008 Hamm Tel.: 0 23 81/6 72 72-0 www.kreuzbund.de
Unter: DHS e.V. finden Sie eine umfassende Übersicht.
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